Seminar Gewaltprävention

Frau H. kommt auf mich zu. Plötzlich hebt Sie die Hand und holt zum Schlag aus.
Was wie ein handfester Konflikt zwischen Frauen klingt, ist Teil des Seminars Gewaltprävention.

Gemeinsam mit 14 Schulbegleitern erlerne ich am heutigen Tag Methoden für die Deeskalation in zugespitzten Situationen.

 

Unser ambulanter Pflegedienst bietet neben der Hauswirtschaftlichen Versorgung und Unterstützung in der Grundpflege auch die Leistung Schulbegleitung an.

Unsere Schulbegleiter sind an den Hamburger Schulen tätig und ermöglichen ca. 60 Hamburger-Schülerinnen und Schüler die Teilnahme am Unterricht.

Diese Schülerinnen und Schüler benötigen aufgrund einer Entwicklungsbeeinträchtigung in den Bereichen der geistigen, körperlich-motorischen oder der emotionalen und sozialen Entwicklung eine besondere Unterstützung.

 

Die Formen der Unterstützung sind vielfältig, so auch die Reaktionen der Schülerinnen und Schüler auf unsere Begleitung. Unsere Schulbegleiter erleben neben Aufmerksamkeitsdefiziten immer wieder auch verbale und körperliche Aggressivität.

Von unserem Coach Herrn Carlos Escalera erlernen wir Techniken, um unsere persönliche Kompetenz in Deeskalationen zu verbessern.
Hierzu zählen u.a. Deeskalations- und Aggressionsanalysen sowie die Arbeit mit Gegensätzen.

 

So lernen wir, dass die Deeskalationsanalyse die Fähigkeit beinhaltet zentrale Fragen zu stellen und zu beantworten: Wer trägt was zur Eskalation bei? Wann und wie? Ist es ein Produkt der aktuellen Interaktion zwischen Individuen und Umwelt (exogen) oder eine Folge der inneren bio-psychischen Prozesse (endogen), die im Inneren des Menschen ohne Fremdeinwirkung ausgelöst wurden?

 

Die Aggressionsdiagnostik wiederrum bedient sich des Wissens entlang der drei Dimensionen der menschlichen Aggressivität: 1. Physiologische Dimension: Damit sind alle körperlichen Prozesse, die vor oder während einer aggressiven Handlung stattfinden gemeint z.B. Mangelerleben, Schmerz 2. Kognitive Dimension: Hierbei geht es um alle bewussten oder unbewussten kognitiven Prozesse, die vor oder während einer Handlung passieren. Es handelt sich um vorurteilsgerichtete Handlungen, um Erlangungs- und Vermeidungsstrategien, um über den Intellekt gesteuerte Bedürfnis Befriedigung und / oder Vergeltungsaktionen. Bei dieser Art von Aggression wirkt die Person sehr kontrolliert. Man erkennt, dass sie die Lage analysiert und bewertet, um entsprechend entscheiden zu können. 3. Emotionale Dimension: Das sind alle emotionalen Prozesse, die rund um die Handlung eine Rolle spielen. Diese Emotionen können sehr standhaft über längere Zeiträume fühlbar und erkennbar sein. Sie können aber auch sehr instabil, flüchtig, wechselhaft erscheinen. Emotionen, die oft in Zusammenhang mit Aggression erscheinen, sind z.B. Frust, Scham, Ärger, Zorn, Neid etc.
Eine Aggressionsdiagnostik entlang dieser drei Dimensionen kann in einer deeskalierenden Intervention helfen, rasch zu erkennen, welche Probleme die an der Eskalation beteiligten Menschen im Moment erleben.

 

Weiterhin haben wir gelernt, dass es in der Krisenintervention kein richtig oder falsch, keine allgemein gültigen Handlungen gibt. Die Überprüfung der eigenen Haltung zu den Menschen und der vielfältigen Aktionen ist wichtig für die Klarheit und Kongruenz der Intervention. Aus einer klaren Haltung heraus entstehen deutliche Handlungen. Ob diese konstruktiv oder destruktiv, konfliktlösend oder konfliktschaffend, deeskalierend oder eskalierend sind, hängt ab von dem Moment, von der Art der Intervention, von den sozialen Beziehungen, von der Denkweise der Handelnden, von Ihren aktuellen Bedürfnissen, etc…

 

Je breiter die Palette an Interventionsmöglichkeiten, desto wahrscheinlicher ist es, dass eine Verkettung der Intervention die gewünschte Wirkung zeigt. Hierbei muss man sich die Gegensätze und deren Wirkung bewusst sein z.B.

Die Stille  Das Getöse: „Was machen Sie, wenn der Schüler anfängt, laut zu streiten?“ „ Dann flüstere ich!“

Die Nähe – Die Distanz: Ist der Schulbegleiter sehr nah an dem Schüler, kann er womöglich Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomene nicht erkennen: noch dazu kann er zunehmend mit oder unter seinem Schüler leiden. Ist der Schulbegleiter sehr distanziert zu dem Schüler, so kann die Distanz durch den Schüler als Gefühlskälte empfunden werden und sich einsam fühlen.

 

Ferner hat uns Herr Escalera gezeigt, welche 5 Grundbedürfnisse hinter vielen Konflikten stecken.

 

  1. Sicherheit / Vertrauen versus Unsicherheit / Misstrauen
  2. Macht / Einflussnahme versus Ohnmacht / Hilflosigkeit
  3. Lust / Genuss versus Unlust / Qual/Langeweile
  4. Zweisamkeit / Zugehörigkeit zu einem Menschen versus Einsamkeit
  5. Wertigkeit / Gruppenbedeutsamkeit versus Wert- und Bedeutungslosigkeit

 

Diese Grundbedürfnisse in der Handlung der Schüler zu erkennen hilft die Intervention zu steuern.

 

Nach 7 Seminarstunden haben wir sehr viel über Gewaltprävention gelernt, insbesonderen eine verbesserte Sichtweise der Schulbegleiter auf den zu betreuenden Schüler. 
Ach übrigends, den Angriff von Frau H. habe ich mit einer gelernten Handbewegung abgewehrt.

 

Ihre Katja Parduhn (Koordinatorin Schulbegleiter)

 

Dienstag, 4. September 2018